Energiepolitik für die Zukunft
Leitlinien zur Energiepolitik
Dr. Werner Müller
Bundesminister für Wirtschaft und Technologie
Abschlußveranstaltung Energiedialog 2000
Berlin, 5. Juni 2000
Es gilt das gesprochene Wort!
http:/www.energiedialog2000.de
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
I.
was wir, Dr. Breuer und ich, Ihnen heute präsentieren wollen,
ist ein Anliegen, das nicht den üblichen Gesetzmäßigkeiten,
nach denen Politik und Medien funktionieren, folgt. Üblicherweise
redet man darüber, was den einen vom anderen trennt, wodurch sich
die eine politische Partei von der anderen unterscheidet. Auch Schlagzeilen
lassen sich besser formulieren, wenn Konflikte und Differenzen zu berichten
sind.
Die Debatte über die Energiepolitik ist dafür ein herausragendes
Beispiel: Wer kennt sie nicht, die Kontroverse über die Kernenergie.
Sie hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten die Gesellschaft gespalten.
Und wohl jeder Bürger, ob energiepolitisch interessiert oder nicht,
könnte auf Anhieb benennen, wer für oder gegen Kernenergie ist.
Für Journalisten gilt das allemal.
Aber Hand aufs Herz: Wer könnte – ebenso auf Anhieb – sagen, auf
welchen Anteil an der Energieversorgung der Bundesrepublik Deutschland
sich diese Kontroverse bezieht? Die Antwort darauf kennen meist nur die
Experten: Die Hauptlast nämlich wird von den Energieträgern Mineralöl,
Kohle und Erdgas getragen. Auf diese Energieträger fallen fast 90
% der Versorgung. Kernenergie hat zwar in einem wichtigen Segment eine
herausragende Bedeutung, in der Grundlastversorgung mit Strom. In der Gesamtschau
jedoch überhöht der Dissens über Kernenergie bei weitem
ihre quantitative Bedeutung. Herr Dr. Breuer und ich sind der Auffassung
gewesen, dass man das umkehren müsse.
Jenseits der Kernenergiedebatte gibt es eine Vielzahl energiepolitischer
Themen, bei denen Ge-meinsamkeiten der bundesdeutschen Politik wichtig
und - wie sich gezeigt hat -, auch herstellbar sind.
Wir wollen heute also vorstellen, was politische Parteien und gesellschaftliche
Gruppen ver-bindet. Eine als solche schon ungewöhnliche Botschaft.
Ich kann Ihnen versichern, dass das keine Selbstverständlichkeit war.
Das vielkritisierte und oft unterschätzte „Konsensmodell Deutschland„
existiert in der Energie-politik seit mehr als zwanzig Jahren nicht mehr.
Darüber sind Investitionen in Desinvestitionen verwandelt worden und
Koalitionen gestolpert oder fast gestolpert.
Angesichts der neuen Rahmenbedingungen in der leitungsgebundenen Energiewirtschaft,
ange-sichts der Europäisierung der Energiemärkte und angesichts
der Marktanteilskämpfe, denen sich die Stromwirtschaft aktuell, die
Gaswirtschaft demnächst, stellen muss, kann sich die Politik nach
meiner Auffassung eine solche Nabelschau nicht mehr leisten, wenn sie noch
Gestaltungs-kraft für den Energiestandort Deutschland entwickeln will.
Und ich freue mich, dass dieser Auffassung alle Parteien und alle gesellschaftlichen
Gruppen gefolgt sind.
II.
Wenn ich „alle„ sage, habe ich auch die Umweltverbände im Auge.
Sie haben bis zur letzten Arbeitssitzung - also fast ein Jahr lang - mitgearbeitet,
haben Herrn Breuer und mir dann mitgeteilt, dass sie das Abschlusspapier,
das bis auf wenige „eckige Klam-mern„ fertig war, nicht unterzeichnen können.
Die von den Umweltverbänden eingebrachten Punkte sind nicht verändert
worden, weil auch andere Beteiligte die Umweltseite mitgetragen und vertreten
haben.
Die eigentliche Differenz, um die es bei der letzten Sitzung ging,
lag in der Geschwindigkeit, mit der ein Energieversorgungssystem eines
großen Industriestaates von einer fossilen Energiebasis auf Energieträger
umgestellt werden soll oder kann, die sonnenabgeleitet sind. In der Grundausrichtung
selbst jedoch, dass es darum gehen muss, zur Zukunftsvorbereitung eine
solche Entwicklung einzuleiten und staatlicherseits zu begleiten, gab es
große Überein-stimmung von Industrie über politische Parteien
bis hin zu den Umweltverbänden.
In der Bewertung der Gleichrangigkeit des energiepolitischen Ziels
Umweltverträglichkeit ist das festgehalten. Ich glaube, dass das ein
Erfolg der Umweltverbände ist. Auch wenn sie das selbst so nicht mehr
sehen, weil sie dies ja schon seit zwanzig Jahren gesagt haben. Aber Ungeduld
ist vielleicht ihr besonderes Vorrecht, was wir ihnen auch diesmal zugestehen
sollten.
III.
Beim Auftakt in Bonn letztes Jahr habe ich versprochen, dass alle,
die den Mut haben, ihre eige-nen Positionen und Argumente auf den Prüfstand
der öffentlichen Debatte zu stellen, sich in den Ergebnissen des Dialogs
wiederfinden. Dieses Versprechen ist eingelöst. Nicht meinetwegen.
Ich konnte dies versprechen, weil ich darauf gesetzt habe, dass sich alle
Beteiligten mit den Mei-nungen und Anliegen der jeweils Anderen auseinandersetzen.
Und ich habe auf die Bereitschaft gesetzt, in strittigen Punkten aufeinander
zuzugehen - auch bei kontroversen Themen. Selbstverständlich hat niemand
erwartet, dass am Ende alle in allen Punkten einer Meinung sind. Insbesondere
beim Thema Kernenergie nicht, deswegen haben wir sie von Anfang an ausge-klammert.
Und sich in den Ergebnissen wiederzufinden, heißt auch nicht,
dass die eigene Ausgangsposition eins zu eins abgebildet wird. Vielmehr
wird so etwas wie die Schnittmenge der Positionen unterschiedlicher gesellschaftlicher
Gruppen beschrieben. Ein Korridor, der nach meiner Auffassung gut beschreibt,
wie Politik das Spannungsfeld zwi-schen Struktursicherung einerseits und
Zukunftsvorbereitung andererseits initiieren und beglei-ten soll.
Die gemeinsame Einschätzung ist, dass die Rolle nationaler Energiepolitik
sich deutlich wandelt. Nicht nur weil eine Vielzahl neuer Akteure auf sich
neu formierenden und größer werdenden Märkten neue Strukturen
und Entscheidungsbedingungen schafft. Sondern auch, weil Energiepolitik
längst nicht mehr Territorium von Energieexperten ist, son-dern weite
gesellschaftliche Kreise bewegt, die sich zukünftig als Kunden und
nicht nur als Wähler artikulieren werden.
Diese Bandbreite spiegeln auch die Ergebnisse des Energiedialogs wider.
Schon dies alleine würde genügen, das Unterfangen zu rechtfertigen.
Ich will auch nicht unterschlagen, dass fast alle Beteiligten auf den letzten
Metern vor ihrem eigenen Mut zurückgescheut sind. Sich für einen
Konsens verhaften zu lassen, der die eigene Position nicht vollständig
erkennbar werden lässt, der vielleicht auch noch Argumente des „anderen
Lagers„, des politischen Konkur-renten gar, aufnimmt, einen solchen Konsens
gegenüber der eigenen Mitgliedschaft vertreten und verfechten zu müssen,
ist niemandem leicht gefallen.
Und ich freue mich besonders, dass alle, die diesen Energiedialog über
ein Jahr getragen haben, sich bei unserer letzten Zusammenkunft zu diesem
Schritt bekannt haben und dies heute auch durch ihre Anwesenheit dokumentieren.
IV.
Für die energiepolitische und gesellschaftspolitische Verantwortung,
die daraus spricht, möchte ich mich bei allen, die den oft mühsamen
Weg mit uns gegangen sind, bedanken.
Der wichtigste Leitgedanke, den alle Beteiligten in der Priorität
oben an gestellt haben, ist ein sehr zukunftsorientierter: Dass es nämlich
im Zuge der Europäisierung der Energiemärkte dringend erforderlich
ist, dass die nationale Politik und die sie tragenden gesellschaftlichen
Gruppen im europäischen Konzert auch mit einer Stimme sprechen - ich
betone auch, weil die Normalität des deutschen Stimmen-gewirrs in
Brüssel nicht gehört wird.
Ein weiterer Leitgedanke war, dass allen, unabhängig von ihrer
inhaltlichen energiepolitischen Ausrichtung an der Wettbewerbsfähigkeit
und ökonomischen Potenz der Unternehmen und der Branche insgesamt
gelegen sein muss. Aus einem schlichten Eigeninteresse. Nationale Energiepolitik
könnte überflüssig sein, wenn die Entscheidungen in politischen
und ökonomischen Zentren außerhalb Deutschlands getroffen werden.
Um es auf einen ganz einfachen Nenner zu bringen: Eine nationale Politik,
deren Adressaten Investoren in anderen Ländern sind, könnte feststellen
müssen, dass ihre Gestaltungsfähigkeit sich auf Kommentare beschränkt.
Drittens war die Erkenntnis vorhanden, dass die Energiepolitik mehr
als andere Politikbereiche von einem Grundkonsens profitiert. Denn angesichts
der Langfristigkeit von Investitionen trägt ein solcher Grundkonsens
zur Sicherheit der Energieversorgung bei.
Viertens vergrößert er die Chance, dass wir im Hinblick
auf Folgen der Energiebereitstellung und –nutzung, die wir nicht heute,
sondern erst in vielen Jahren zu spüren bekommen, die richti-gen Entscheidungen
treffen.
Ein solcher Grundkonsens hilft auch dabei, dass der notwendige Strukturwandel
in die richtige Richtung verläuft und im Einklang mit den Zielen der
Gesellschaft und den Bedürfnissen der Menschen vonstatten geht.
V.
Viele Außenstehende hat am Energiedialog interessiert: Was kommt
denn nun Neues heraus? Ich will drei Punkte hervorheben.
Erstens: Die Beteiligten haben Konsens darüber erzielt, dass die
Energieversorgung und –bereitstellung am Leitbild der nachhaltigen Entwicklung
auszurichten ist. Dieses Ergebnis, dem intensive und auch kontroverse Diskussionen
vorausgingen, ist vor allem auch ein Verdienst der Umweltverbände.
Bei der Auftaktveranstaltung habe ich das Zieldreieck für die
Energieversorgung, bestehend aus Sicherheit, Wirtschaftlichkeit und Umweltverträglichkeit,
hervorgehoben. Mit dem Leitbild der Nachhaltigkeit sind die Teilnehmer
des Dialogs darüber hinausgegangen und haben einen Weg aufgezeigt,
wie bei Zielkonflikten die Abwägungen getroffen werden sol-len. Ich
halte dies für einen erheblichen Fortschritt in der Debatte.
Es beinhaltet nicht weniger, als dass Wettbewerbsfähigkeit auch
ein Anliegen der Umweltseite und Umweltverträglichkeit auch ein Anliegen
der Wirtschaft ist. Bei zukünftigen Diskussionen über Instrumentarien
in der Energiepolitik wird das eine wichtige Richtschnur sein.
Zweitens: Die Beteiligten sind sich darin einig, dass marktwirtschaftliche
Prozesse grundsätzlich am besten geeignet sind, für effiziente
Versorgungs- und Dienstleistungsstrukturen zu sorgen. Nur dann, wenn gewünschte
Ziele im Markt nicht von allein erreicht werden, ist staatliches Han-deln
notwendig. Dann soll mit geeigneten Instrumenten zielgenau gegengesteuert
werden.
Ich schätze es hoch ein, dass es bei der Instrumentenfrage nicht
mehr um einen Prinzipienstreit geht, sondern alle anerkennen, dass die
gewählten Instrumente effizient steuern sollen. Eine subsidiäre
Rolle staatlichen Handelns ist zu Beginn des Dialogs noch heftig umstritten
gewesen. Auch hier denke ich, ist es der intensiven Diskussion um die Folgen
des Strukturwandels in Europa zu verdanken, die zu dieser Schlussfolgerung
geführt haben. Mit dieser Leitlinie hat die Politik einen Prüfauftrag
erhalten, der noch erhebliche Wirkungen entfalten wird.
Drittens: Als Zukunftsvorbereitung ist eine deutliche Veränderung
des Energiemixes notwendig; sie ist allerdings nur schrittweise möglich
und erfordert Zeit.
An diesem Satz, den ich aus den Leitlinien des Dialogs zitiert habe,
wird m. E. besonders deut-lich, dass sich die beteiligten gesellschaftlichen
Gruppen im Dialogprozess aufeinander zu be-wegt haben. Die Aussage macht
ganz klar: Ein „weiter so wie bisher„ reicht nicht – darin sind sich alle
einig. Aber die notwendige Veränderung geht nicht von heute auf morgen.
Szenarien einer nachhaltigen Entwicklung lassen sich leicht entwerfen
- auf dem Papier. Aber eine Erkenntnis zwingt die Realität auf. Brecht
- bekanntermaßen ein Befürworter von Revolutionen - hat das
einmal sehr schön in den Stoßseufzer zusammengefasst „... dann
kommen die Mühen der Ebenen ...„. Deswegen finde ich die Schlussfolgerungen
der Beteiligten des Dialogs sehr weise und verant-wortungsbewusst.
Eine Entwicklung zugunsten erneuerbarer Energien soll eingeleitet werden
- aber nicht bruch-artig. Vor dem Hintergrund, dass Deutschland ein Stromerzeugungsstandort
bleiben soll, ist das auch ökonomisch konsequent. Denn auf lange Sicht
sind erneuerbare Energien im wesentlichen Importenergien.
VI.
Was passiert nun mit den Ergebnissen, ist eine Frage, die nicht nur
die Beteiligten bewegt.
Nun, erstens glaube ich, dass der Dialog nicht zu Ende ist. In dieser
formalen Form schon, wir haben damit aber allenfalls einen Prozess begonnen.
Es wird von den Beteiligten abhängen, ob die Gemeinsamkeiten fortgesetzt
werden können. Das wird nicht ganz einfach werden. Wenn man mehr als
zwanzig Jahre lange Differenzen betont hat, auf allen Seiten mit ehren-werten
Motiven, fällt es schwer, in Zukunft auf Gemeinsamkeiten zu setzen.
Mit den Differenzen sind politische und persönliche Biographien, nicht
zuletzt machtpolitische Positionen verknüpft.
Ich möchte deshalb an alle Beteiligten appellieren, in zukünftigen
Debatten nicht hinter das bisher Erreichte zurückzufallen, sondern
das Bemühen um gemeinsame Positionen fortzusetzen. Ihre Arbeit entwickelt
um so mehr politische Dynamik, als sie selbst auf der Verbindlichkeit Ihrer
Ergebnisse beharren.
Zweitens wird die Bundesregierung, wie von Ihnen empfohlen, Ihre Ergebnisse
zur Basis des nunmehr auszuformulierenden Energiekonzepts machen. Ich gehe
davon aus, dass auch die Debatte hierüber nicht ohne Diskussionen
verlaufen wird. Aber auch in dem üblichen parlamentarischen Verfahren
werden Sie beteiligt und Ihre Ergeb-nisse eine wichtige Entscheidungsorientierung
sein.
VII.
Zum Abschluss heute ein Dank an alle Beteiligten.
Mein Dank gilt besonders Herrn Dr. Breuer, der als Kuratoriumsvorsitzender
des Forums für Zukunftsenergien gemeinsam mit mir den Vorsitz im Energiedialog
übernommen hat.
Ich danke allen Mitgliedern der Steuerungs- und Arbeitsgruppe für
ihre unermüdliche Mitarbeit an unserem gemeinsamen Ziel, eine breit
unterstützte Basis für die deutsche Energiepolitik für die
Zukunft zu erarbeiten.
Mein Dank geht an alle, die größere Energiekonferenzen im
Rahmen des Energiedialogs 2000 veranstaltet und sich daran aktiv beteiligt
haben und so dazu beitrugen, dass die Positionen der gesellschaftlichen
Gruppen zur Energiepolitik auch öffentlich zur Diskussion gestellt
wurden.
Ich danke all denjenigen aus der Bevölkerung, von Unternehmen
und Verbänden, aus der Wis-senschaft und von anderen Institutionen,
die uns ihre Anregungen und Vorschläge haben zu-kommen lassen.
Und nicht zuletzt danke ich der Friedrich-Ebert-Stiftung, die uns nicht
nur beim Auftakt in Bonn und heute in Berlin, sondern während des
gesamten Prozesses wertvolle Unterstützung leistete.