Zukünftige Energiepolitik -
Rahmenbedingungen und Ziele
Rede von
Dr. Rolf-E. Breuer
Vorsitzender des Kuratoriums des Forums
für Zukunftsenergien
anläßlich der
Auftaktveranstaltung zum
Energiedialog 2000
am 23. Juni 1999
in der Friedrich-Ebert-Stiftung in
Bonn-Bad Godesberg
Herr Minister, meine sehr verehrten Damen und Herren,
lassen Sie mich in Ergänzung dessen, was Bundesminister
Müller eben zur Einführung gesagt hat, zu drei Themen in aller
Kürze einige Bemerkungen machen:
Erstens, ist eine Neugewichtung energiepolitischer
Ziele notwendig und wenn ja, warum und warum heute?
Zweitens, einige spezielle Bemerkungen zur Wirtschaftlichkeit
der Energieversorgung, weil ich denke, daß Sie gerade zu diesem
Thema von mir eine Aussage erwarten.
Drittens schließlich, die Wechselwirkungen zwischen
den Zielen.
Zunächst also zur Frage, warum wir heute überhaupt
eine Diskussion über die Neugewichtung energiepolitischer Ziele
im allgemeinen führen. Erinnern wir uns zurück an die energiepolitische
Diskussion der 70er Jahre, so kommt uns der Club of Rome ins Gedächtnis.
Hierbei handelte es sich um sehr pessimistische Prognosen, was die Wachstumsaussichten
anging, insbesondere aufgrund einer geradezu dramatisch sich abzeichnenden
Rohstoffverknappung. Diese Sicht wurde mehr oder weniger gestützt
durch die Energie- und Erdölkrise 1973/74, die scheinbar diesen
sehr pessimistischen Prognosen des Club of Rome Nahrung gab und Beweise
lieferte.
Von daher war die energiepolitische Diskussion in den
Folgejahren bestimmt durch eine Übergewichtung des Sicherheitsgedankens.
Die Sicherung der Energiequellen stand im Vordergrund und führte
dazu, daß andere, gleichermaßen wichtige energiepolitische
Ziele dem Sicherungsgedanken gegenüber eher in den Hintergrund
traten. Damit kam es zu einer Überbetonung des Versorgungsgedankens
in der energiepolitischen Diskussion der 70er Jahre. Hauptziel nationaler
Energiepolitiken in jenen Jahren waren die Absicherung und Immunisierung,
insbesondere durch Rückbesinnung primär auf heimische Energiequellen.
Zu Lasten anderer Ziele der Energiepolitik wurden Sonderopfer beschlossen.
In den 80er und 90er Jahren kamen neue Faktoren hinzu,
die die energiepolitische Diskussion im Endeffekt wieder zu einem größeren
Gleichgewicht der Zielvorstellungen zurückgeführt haben. Zwar
blieb es nach wie vor bei der düsteren Prognose, daß der
Weltenergieverbrauch sozusagen zum Anstieg verdammt ist trotz aller
Sparbemühungen, trotz aller Möglichkeiten, neue Energiequellen
zu entdecken, zu fördern, einzusetzen. Für die Bundesrepublik
sieht die Prognose allerdings etwas anders aus. Hier sind die Ausblicke
für die nächsten zehn Jahre, was den Energieverbrauch angeht,
eher auf Stagnation angelegt.
Die Wiedervereinigung, die Neustrukturierung, die neue
Ordnung Osteuropas und der GUS-Staaten und last but not least die Etablierung
der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft und daraus neu entstandene
Parameter für Energiegewinnung und Energieverbrauch, all dies waren
neue Erkenntnisse, die die Rahmenbedingungen der energiepolitischen
Diskussion neu bestimmen mußten. Versorgungssicherheit trat dabei
eher in den Hintergrund, nicht zuletzt dank einer neu gewonnenen Funktionsfähigkeit
der Märkte. Heute geht kaum noch jemand von Katastrophenszenarien
aus, wonach Energiequellen ersatzlos erschöpft sein könnten.
Als Folge ist eine Neugewichtung der energiepolitischen Ziele am Platze,
und sie muß heute stattfinden. Denn heute geht es darum zu entscheiden,
welche Schlußfolgerungen aus einer Gleichgewichtigkeit der Ziele
zu ziehen sind. Diese vier Ziele sind: die Wirtschaftlichkeit, der Umweltschutz,
die Schonung natürlicher Ressourcen und last but not least die
Versorgungssicherheit, aber eben gleichgewichtig.
Lassen Sie mich zweitens etwas zur Wirtschaftlichkeit
sagen und zwei Entwicklungen in den Vordergrund stellen. Zum einen die
Globalisierung und ihre Auswirkungen auf die Wirtschaftlichkeit der
Energiepolitik und zum anderen die Liberalisierung und ihre Folgen.
Globalisierung hat zum Inhalt und zur Folge einen verschärften
Wettbewerb der Standorte. Und dabei spielen Energiekosten eine nicht
zu unterschätzende Rolle. Zwar sagen uns die Statistiker, daß
die Energiekosten im Durchschnitt des Verarbeitenden Gewerbes in der
Bundesrepublik nur zwei Prozent des Produktionswertes ausmachen. Dies
ist wenig und könnte uns zu der Schlußfolgerung verleiten,
dieser Prozentsatz sei vernachlässigbar oder er sei sogar noch
steigerungsfähig. Dies ist ein Irrtum, weil es sich um einen Durchschnittswert
handelt, der nicht berücksichtigt, daß in vielen Bereichen
zwar die Energiekosten direkt kaum eine Rolle spielen, wohl aber indirekt
durch die Zulieferprodukte. Das Paradebeispiel für meine These
ist der Automobilbau, wo in der Tat die direkten Energiekosten nicht
überwältigend hoch sind im Vergleich zu den Personalkosten
etwa. Aber die Zulieferer kommen aus Branchen, in denen der Energiekostenanteil
deutlich höher ist als zwei Prozent, z.B. bei Aluminium oder Stahl.
In Euroland hat die Standortfrage auch bezüglich
der Energiekosten neue Relevanz bekommen, denn jetzt spielt die Kostenfrage
ohne Währungsunterschiede und bei totaler Transparenz der Preise
eine enorme Rolle, zumal auch der freie Zugang zu Märkten Standortentscheidungen
erleichtert. Das heißt also, auch vor diesem Hintergrund ist es
außerordentlich gefährlich, die Belastbarkeit dieser zwei
Prozent Energiekosten als Durchschnittswert in der Annahme zu testen,
ein Prozent rauf oder runter mache wohl nicht viel aus. Denn im europäischen
Wettbewerb machen ein oder zwei Prozent unglaublich viel aus. Und die
Schlußfolgerungen für den Standort Bundesrepublik sind offensichtlich.
Ich komme zur Liberalisierung. Die Liberalisierung
der Energiemärkte, insbesondere in der Bundesrepublik, führt
zu geradezu revolutionären Wandlungen. Lassen Sie mich hierzu drei
Schlagworte nennen: Ein liberaler Markt bedarf eines neuen Ordnungsrahmens
- und den hat er auch gefunden. In diesem Ordnungsrahmen bewegen sich
alle Beteiligten in einem Umfeld, das ihnen neu ist, das erst der Gewöhnung
bedarf, das erst im Entstehen begriffen ist. Das Rollenverständnis
muß erst gefunden werden. Dies zeigt sich weiter darin, daß
der Energiemarkt – wenn ich ihn so nennen darf – sich vom Verkäufer-
zum Käufermarkt wandelt. Das heißt, bei einem völlig
liberalisierten Marktumfeld drehen sich die Rollen der beiden Hauptbeteiligten
um, und es treten ganz neue Wettbewerbsideen im Marktgeschehen auf.
Und schließlich: Der Preis spielt neuerdings eine entscheidende
Rolle. Nicht, daß Preise nie eine Rolle gespielt hätten,
aber der Wettbewerb in einem liberalisierten Umfeld spielt sich hauptsächlich
über den Preis - bei angenommen gleicher Qualität - ab und
wird damit zum entscheidenden Marktfaktor. Wir sehen dies beispielsweise
daran, daß es zur Gründung einer Strombörse gekommen
ist. Energie ist offenbar ein fungibles, austauschbares, handelbares
Gut wie viele andere. Der Preis bildet sich im Umfeld eines liberalisierten
Marktes in Form einer Versteigerung. Und das höchste Gebot bei
entsprechend großer Menge sorgt für den Tagespreis. Dieses
Verfahren bietet zum einen totale Transparenz des Preisbildungsprozesses,
zum anderen kann es aber auch potentiell größere Preisausschläge
verursachen. Dies zeigen uns die Erfahrungen von Energiebörsen
in anderen Ländern. Der Preis für Energie wird also in Zukunft
sehr viel volatiler sein als bisher gewohnt.
Lassen Sie mich zu den Zielsetzungen zurückkommen.
Versorgungssicherheit ist heute zwar ein gleichgewichtiges Ziel und
insofern weniger wichtig als in den 70er Jahren, aber es ist dennoch
ein Ziel, das der Definition bedarf, insbesondere im europäischen
Rahmen. Ich denke, wir dürfen Versorgungssicherheit nicht länger
allein vor dem Hintergrund der bundesrepublikanischen Situation diskutieren,
sondern müssen dies vor dem europäischen Hintergrund tun.
Es bedarf eines gemeinsamen europäischen Konzepts der Versorgungssicherheit,
aber auch, mindestens so wichtig, der gemeinschaftlichen Finanzierung
eines solchen Konzepts. Denn schöne Ideen auf europäischer
Basis zu haben ist eins, sie bezahlen zu müssen, ist ein anderes.
Und all dies vor dem Hintergrund der Sustainability, also der nachhaltigen
Entwicklung aller Parameter, die bei dem Konzept einer europäischen
Versorgungssicherheit zugrunde gelegt werden müssen:
- Wirtschaftlichkeit - ich habe darüber schon geredet - und die
optimale Allokation knapper Ressourcen, denn die Ressourcen bleiben
weiterhin knapp und müssen angemessen verwaltet werden, obwohl
Versorgungssicherheit nicht mehr im Vordergrund steht.
- Umweltverträglichkeit, auch hierzu ist viel gesagt worden,
und ich kann mich darauf beschränken, daß dieses Ziel ganz
gewiß innerhalb der vier genannten eine zentrale Rolle spielt.
- Und last but not least Ressourcenschonung.
In diesem Kontext ist Energiesparen sicherlich ein Thema, dem sich
die Arbeiten, die hier heute ihren Ausgangspunkt nehmen, besonders widmen
müssen. Das Sparpotential ist in vielfacher Hinsicht nicht ausgeschöpft
und läßt enorme Möglichkeiten ahnen. Insofern ist hier
viel Raum für Verbesserung und viel Raum für Innovation. Hier
kann wirklich ganz Entscheidendes bewirkt werden. Ich rede hier einerseits
von technischen Innovationen in den Betrieben, zum andern aber auch
in den privaten Haushalten. So kann der Hauptenergieverbraucher, die
Wärme, durch entsprechende Vorkehrungen pro Haushalt um 40, 50
oder sogar 60 Prozent reduziert werden. Das heißt, meine Damen
und Herren, wir reden hier wirklich über Erreichbares und relativ
einfach Erreichbares, was die Energiegewinnung, -erzeugung und den - verbrauch
revolutionieren könnte.
Lassen Sie mich zum Schluß kommen. Ich darf Herrn
Bundesminister Müller sehr herzlich danken, daß er die Initiative
zu diesem Dialog ergriffen hat. Als Kuratoriumsvorsitzender des Forums
für Zukunftsenergien habe ich mich seiner Bitte, mit ihm zusammen
die Leitung dieses Dialogs zu übernehmen, mit großer Freude
geöffnet, weil ich denke, dies ist sehr nützlich, wichtig
und vom Timing ausgesprochen richtig. Die heutige Auftaktveranstaltung
ist der Start für einen offenen Dialog - ein Dialog zwischen Politik
und Wirtschaft, über eines der wichtigsten Themen, dem wir uns
für die nächsten zehn Jahre stellen müssen.
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.
© Friedrich
Ebert Stiftung | Redaktion | November
1999