Zukünftige Energiepolitik -
Rahmenbedingungen und Ziele
Rede von
Bundeswirtschaftsminister Dr. Werner
Müller
anläßlich der
Auftaktveranstaltung zum
Energiedialog 2000
am 23. Juni 1999
in der Friedrich-Ebert-Stiftung in
Bonn-Bad Godesberg
Es gilt das gesprochene Wort.
I.
Sehr geehrter Herr Dr. Breuer,
sehr geehrte Podiumsteilnehmer,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
man sollte eine Rede nie mit dem beginnen, was ich
jetzt tun werde – nämlich die Zuhörer enttäuschen. Enttäuschen
deshalb, weil ich nicht zu dem Thema sprechen will, was Sie alle
am meisten interessiert, was ist mit dem Konsens zur Atomenergie, wie
geht es weiter.
Nur soviel: So nahe wie gestern, gestützt auf
einen vorbereitenden Text, waren Bundesregierung und Betreiber noch
nie. Das Gespräch wird bald fortgesetzt. Wir sollten der Vernunft
und dem Weitblick, der in dieser Annäherung liegt, auch hier Raum
geben.
Dr. Breuer und ich haben zu diesem Energiedialog
eingeladen, weil uns beiden daran gelegen ist, in der Energiepolitik
wieder zu einem politischen und gesellschaftlichen Grundkonsens zu kommen.
Ich bin davon überzeugt, daß Politik und Wirtschaft
einen solchen Grundkonsens brauchen. Heute um so mehr, als der durch
die Liberalisierung der Energiemärkte in Gang gesetzte Strukturwandel
die Wirtschaft vor neue Herausforderungen stellt. Und nicht nur die
Wirtschaft, auch die Politik.
Ich will Herrn Dr. Breuer nicht vorgreifen, deswegen
werde ich mich in meiner Einleitung auf die Rolle der Politik konzentrieren.
Herr Dr. Afheldt, dem ich für seine Bereitschaft zur Moderation
herzlich danke, wird dann in der Diskussion versuchen, die beiden Sichtweisen
Politik und Wirtschaft zusammenzuführen.
Ich beginne mit einer provokativen Frage: Bedarf es
eigentlich in Zukunft einer Energiepolitik – einer deutschen
zumal,
- angesichts Europäischer Institutionen, die
immer mehr Rahmendaten setzen,
- angesichts zusammenwachsender europäischer
Märkte,
- angesichts einer Entwicklung der Unternehmen
in Richtung multinationaler Kooperationen und Zusammenschlüsse,
- angesichts der Tatsache, daß ihre Performance
mehr von Analysten internationaler Finanzmärkte beurteilt werden
wird als von ihren eigenen Aufsichtsräten?
Was soll angesichts dieser Entwicklungen nationale
Politik eigentlich noch ausrichten, besser: ausrichten können?
Ich sage hier ganz klar, daß ich von der Notwendigkeit
und der Gestaltungsfähigkeit einer nationalen Energiepolitik
überzeugt bin. Allerdings hat diese Aussage einige Voraussetzungen,
die zu nennen sind.
Um sie zunächst mal negativ auf den Punkt zu bringen:
- Es wird nicht gehen mit einem "weiter
so" wie bisher, bei der jede Interessengruppe, jede politische
Partei ihr spezielles Hobby pflegt. Damit will ich weder die Motive
noch die Relevanz der jeweiligen Argumente diffamieren; mir geht es
lediglich darum aufzuzeigen, daß es für die Einzelthemen
eines neuen, von allen akzeptierten Rahmens bedarf.
- Es wird nicht gehen mit nur nach innen
gerichteter Nabelschau, rein nationaler Denkweise und Stoßrichtung
der Politik. Wir müssen vielmehr die europäische Integration
und die Globalisierung in unsere nationale Energiepolitik einbeziehen.
- Es wird auch nicht gehen, daß wir
weiterhin die traditionellen Instrumente so einsetzen wie in
der Vergangenheit, da sich deren Steuerungseffizienz durch die beschriebenen
Veränderungen verringert hat.
Mein Fazit: Den Gestaltungsanspruch von nationaler
Politik werden wir dann - und nur dann - in Gestaltungsfähigkeit
umsetzen können, wenn
- wir erstens für die nationale Politik die Schlußfolgerung
ziehen, daß sich ihre Aufgaben und die Lösungsansätze
stark verändert haben und verändern werden
- und wir zweitens dafür sorgen, daß Wirtschaft und
Gesellschaft die Ziele und Grundlinien der Energiepolitik mittragen.
Dann kann sie langfristig Bestand haben.
Denn ohne die allgemeine Akzeptanz entstehen Unsicherheiten
bei der Wirtschaft, die Entscheidungsdefizite, Investitionsattentismus
und damit tiefgreifende Versäumnisse hervorrufen. Die notwendigen
Weichenstellungen für die Zukunft werden nicht oder werden zu spät
getroffen. Um die Akzeptanz wiederzugewinnen, brauchen wir eine vorwärtsgerichtete
Diskussion über den Einstieg in einen neuen Energiemix
und in eine Energiepolitik, die eine zukunftsfähige Energieversorgung
unterstützt.
II.
Ich schlage sechs Eckpunkte vor, an der sich
unsere gemeinsame Diskussion ausrichten sollte:
Erstens: Ich setze auf den neuen marktwirtschaftlichen
Ordnungsrahmen der Energiepolitik. Änderungen am Stromteil
des Energiewirtschaftsgesetzes wird es vorerst nicht geben. Das gilt
insbesondere für dessen Grundprinzip, der Einführung des Wettbewerbs
für alle. Der Wettbewerb wird mehr Flexibilität von den Unternehmen
einfordern.
Zweitens: Ich setzte auf die Konsensfähigkeit
und Zukunftsorientiertheit der Marktpartner. Ich bin mir
deshalb mit den Koalitionspartnern einig, daß wir die Verhandlungen
der Marktpartner zu einer Neufassung der Verbändevereinbarung abwarten
und erst im Lichte der Ergebnisse dieser Verhandlungen entscheiden,
ob eine weitergehende gesetzliche Netzzugangsregelung erforderlich ist.
Dritter Eckpunkt ist die Investitionsfreiheit
der Unternehmen. Sie liegt in der Konsequenz eines marktwirtschaftlichen
Ordnungsrahmens. Investitionen in den einen oder anderen Energieträger
werden in Zukunft über seine relative Vorteilhaftigkeit im Markt
bestimmt, nicht über Politik. Das traditionelle Denken in Zuteilungskategorien
ist überholt. Investitionslenkung durch den Staat paßt nicht
in eine Welt, die sich unter europäischen Wettbewerbsbedingungen
bewähren muß.
Vierter Grundsatz ist, den Standort Deutschland
für die Energieerzeugung zu sichern und auszubauen. Die
Stromwirtschaft gehört zu den wichtigsten Investoren in diesem
Land, und sie ist ein wichtiger Beschäftigungssektor (1998: 164.000,
davon 50.000 im Kraftwerksbereich). Nicht nur deswegen, aber auch
deswegen ist die Bundesregierung an der Wettbewerbsfähigkeit der
deutschen Stromwirtschaft im europäischen Rahmen interessiert und
an ihrer Investitionsbereitschaft im Land.
Mein fünfter Grundsatz für
eine zukunftsfähige Energiepolitik: Das klassische Zieldreieck
der Energiepolitik - Wettbewerbsfähigkeit, Versorgungssicherheit
und Berücksichtigung der Umweltbelange - hat auch in Zukunft
Geltung. Es bleibt gemeinsames Anliegen von Politik und Wirtschaft,
über Marktprozesse die Effizienz von Energieversorgungsstrukturen
zugunsten der Verbraucher und zugunsten der Wettbewerbsfähigkeit
der Industrie voranzutreiben. Aber: Die anderen Ziele der Energiepolitik
werden damit nicht automatisch erreicht.
Nicht zuletzt höre ich aus Reihen der Energiewirtschaft
warnende Stimmen, die auf die Abhängigkeit der Bundesrepublik
von Import-Ressourcen verweisen. Auch höre ich warnende
Stimmen, die zu Recht darauf verweisen, daß Umweltbelange
über Marktprozesse nur unzureichend zu Geltung kommen. Namentlich
erneuerbare Energiequellen werden auf mittlere Sicht im Markt ohne Staatshilfe
keine oder kaum Chancen haben ohne Staatshilfe. Hier gibt es Bedarf
an intelligenter Regulierung durch die Politik auf dem Hintergrund,
daß die Ergebnisse betriebswirtschaftlicher Optimierung einerseits
und volkswirtschaftlicher Wohlfahrt andererseits auseinanderklaffen
können.
Mein sechster Grundsatz: Wir müssen langfristig
zu subventionsfreien Energieversorgungsstrukturen kommen. Auch
dies halte ich für einen Eckpfeiler. Damit liegt es aber auch
in der Verantwortung der Unternehmen, wenn Marktergebnisse den energiepolitischen
Zielen Nachhaltigkeit und Versorgungssicherheit nicht entsprechen. Das
ist die Kehrseite der Medaille, wenn man die "Investitionsfreiheit"
betont.
Nachhaltigkeit und Versorgungssicherheit ausschließlich
der nationalen Politik als Problem zu überweisen, ist angesichts
ihrer sinkenden Interventionskraft in ökonomische Prozesse ein
zu einfaches Modell. Deshalb möchte ich betonen: Der marktwirtschaftliche
Ordnungsrahmen erfordert auch, daß sich die Marktpartner zukunftsorientiert
verhalten. Sie sind in der Pflicht, Lösungen für Zukunftsaufgaben
vorzulegen, die von der Politik zu Recht eingefordert werden.
Stichworte sind hierfür z.B. Stromerzeugung aus
erneuerbaren Energien, Kraft-Wärme-Kopplung, Energieforschung.
III.
Die Politik muß vor dem Hintergrund der Rahmenänderungen
und des Strukturwandels neue Formen der Politikgestaltung
entwickeln. Politik muß unterschiedliche Meinungen zusammenführen,
um die energiepolitischen Zielkonflikte produktiv auflösen zu können.
Ich bin der Auffassung, daß wir dafür zu
neuen Kooperationsformen zwischen Politik und Energiewirtschaft
kommen müssen. Ich lade die Wirtschaft ein, dies mit mir gemeinsam
zu entwickeln. Der Start hierfür ist der Energiedialog 2000, den
ich heute – gemeinsam mit Herrn Breuer – einleite.
Wir stellen uns vor, daß es gelingt, erstens
die polarisierte Debatte der Vergangenheit zu beenden,
weil sie uns für die Zukunft behindert; zweitens einen Korridor
zu beschreiben, auf den sich die Mehrheit der politischen Parteien,
der Gewerkschaften, der Unternehmen und der Umweltverbände verständigen
kann. Dabei geht es nicht um die Veränderung von Grundüberzeugungen,
sondern um pragmatische Lösungen mit dem Blick nach vorn. Und drittens,
daß es gelingt, sich auf der Basis der genannten Ziele auf Kooperationsformen
zwischen Politik und Wirtschaft zur Lösung der Zukunftsaufgaben
zu einigen.
Hierfür werden mehrere öffentliche Foren
stattfinden, auf denen Themenkreise wie der Strommarkt, der Wärmemarkt
und die Mobilität diskutiert werden. Eine Steuerungsgruppe, zu
der ich etwa 30 Personen eingeladen habe, wird den gesamten Diskussionsprozeß
aktiv gestalten und lenken. Ich will diese einjährige Debatte bewußt
auf etwas Zeit anlegen. Wir stehen mit der Einstiegsdebatte nicht unter
Zeitdruck, weil kein forcierter Ausstieg aus der Kernenergie beabsichtigt
ist. Und wir wissen, daß wir uns ein ehrgeiziges Ziel vorgenommen
haben.
Sowohl für die heutige Veranstaltung, aber auch
für den gesamten Prozeß haben wir Thesen formuliert,
die provozieren sollen, bewußt Fragen stellen und auf die
Punkte hinweisen, die uns in der energiepolitischen Debatte bislang
zu kurz gekommen scheinen. Am Ende der einjährigen Debatte erwarte
ich mir, daß wir zu gemeinsamen Leitlinien, zu den zentralen Elementen
der Energiepolitik sowie zu den richtigen Instrumenten kommen. Auf dieser
Basis wird die Bundesregierung anschließend ihr Energiekonzept
konkretisieren.
Ich wünsche uns allen eine fruchtbare Debatte, einen konstruktiven
Energiedialog 2000.
© Friedrich
Ebert Stiftung | Redaktion | November
1999